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Translokale Vorlesungsreihe: Geographien von Covid-19


Die Covid-19-Pandemie und die Maßnahmen, die zu ihrer Eindämmung ergriffen wurden, bedeuten eine enorme gesellschaftliche Herausforderung. Damit verbunden sind umfangreiche soziale und räumliche Neuordnungen, deren Ausmaß und Wirkung erst nach und nach deutlich werden. Dies betrifft Naturverhältnisse und Versorgungssysteme ebenso wie Regierungsformen, ökonomische Verflechtungen und sozialräumliche Ungleichheiten. Die Vorlesungsreihe widmet sich den Geographien der Coronakrise anhand unterschiedlicher Fragestellungen: Welche Territorialisierungen und räumliche Strategien spielen bei der Bekämpfung der Pandemie eine Rolle? Welche Effekte haben Praktiken der Eindämmung und der Rekonfiguration von Mobilität? Welche sozial-, sicherheits- und gesundheitspolitischen Bearbeitungsmodi bilden sich in konkreten räumlichen Kontexten heraus, und in welchem Verhältnis stehen sie zu den politischen Antworten auf vorige Krisen? Was können wir aus vergangenen Epidemien vor allem aus Kontexten des sogenannten globalen Südens lernen?

Um die mit der Pandemie verbundenen Einschränkungen/Beschränkunge im akademischen Betrieb positiv zu wenden, wird die Vorlesungsreihe in translokaler Zusammenarbeit zwischen den Geographischen Instituten in Bayreuth, Dresden, Jena, Klagenfurt und Münster veranstaltet und richtet sich an die Dozent_innen, Studierende sowie die interessierte Hochschulöffentlichkeit. Sechs interaktive Vorträge, die an den genannten Instituten über eine Konferenzsoftware gestreamt werden, bieten Einblick in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Geographien von Covid-19.

Organisation: Iris Dzudzek (Münster), Jan Hutta (Dresden), Matthias Naumann (Klagenfurt), Simon Runkel (Jena) & Julian Stenmanns (Bayreuth) 

Die Veranstaltungen finden jeweils dienstags, von 16:15-17:45 statt.
Bitte nutzen Sie zur Teilnahme diesen Link
https://uni-bayreuth.zoom.us/j/96875226142?pwd=VEtHMUpCbTdBdWR5cWVMa1VoZ0RnUT09
Eine gesonderte Anmeldung ist nicht notwendig



10.11.2020 | „Die Logik von Covid-19: sozial-ökologische Hervorbringungs- und sicherheitspolitische Bearbeitungsweisen“Einklappen

„Die Welt im Kampf gegen das Coronavirus“ oder „eine Naturkatastrophe in Zeitlupe“ – entgegen dieser populären Diagnosen zielt unser Beitrag darauf zu zeigen, welche gesellschaftlich hervorgebrachten Naturverhältnisse erst dafür sorgen, dass SARS-CoV-2 zur „größten Krise der Nachkriegsgeschichte“ wird. Die Frontstellung gegen ein feindliches Virus ist kein Naturereignis, das uns ereilt, sondern Resultat einer bestimmten Bearbeitungsweise. In unserem Beitrag zeigen wir, welche strukturellen Voreinstellungen dazu geführt haben, dass Gesundheit im Zuge der Pandemie unter den Stichworten von Preparedness und Risikopolitik vor allem als nationales Sicherheitsproblem bearbeitet wird. Mit der kritischen Sozialepidemiologie verstehen wir Gesundheit als soziale Frage. Gegen eine isolierte Sicht auf Krankheitserreger werden hier die sozialen Determinanten in den
Vordergrund gestellt, die entscheidende Bedingungen für die Anfälligkeit von Körpern und Gemeinschaften liefern. Damit öffnen wir den Blick für eine solidarische Politik der Gesundheit, die aus Selbstorganisation erwächst und grundsätzliche Bedingungen für Wohlergehen schafft.

  • Vortragende: Iris Dzudzek (Münster) und Henning Füller (Berlin)
  • Kommentar: Judith Miggelbrink (Dresden)
  • Moderation: Matthias Naumann (Klagenfurt)
​17.11.2020 | „Learning from Ebola“Einklappen

The Covid-19 pandemic is in its scale and global spread a new experience for globalised societies around the world. The global health interventions undertaken to respond to it have largely been authoritarian-liberal strategies that deepen existing social inequity. The novelty of the epidemic holds true only for some populations primarily in the Global North, though. Be it SARS in Asia, Zika in Latin America or Ebola in Africa, many societies around the world have long gathered experiences of dealing with deadly infectious diseases. Learning how people everywhere can best sustain their livelihoods as well as their social, economic and political webs of life while maintainig physical distance is a current as well as future challenge. Health and environmental activists worldwide have stressed the importance of respecting human rights, securing basic health care, fighting stigma and environmental exploitation for successfully dealing with Covid-19 globally.

This session focuses on the lessons learned from Ebola. Nene Morisho Mwanabiningo from the Pole Institute in Goma, Eastern DR Congo, analyses how the experience with Ebola in the North Kivu province prepared people, local authorities and medical staff for mastering the spread of Covid-19. Uli Beisel, a medical anthropologist and human geographer at the University of
Bayreuth, reflects on how infectious diseases and their territorialisations redraw our understanding of human-environment relations. Anne Jung, a human rights activist from Medico International in Frankfurt who worked with grassroots health activists during the Ebola crisis in Sierra Leone, will focus on how community health movements can teach us fighting Covid-19 as a form of acting in solidarity.

  • Vortragende: Uli Beisel (Bayreuth), Anne Jung (medico international) und Nene Morisho Mwanabiningo (Goma)
  • Moderation: Stefan Ouma (Bayreuth)
8.12.2020 | „People, pathogens, places: where medical geography meets disease ecology?”Einklappen

The pandemic of Covid-19 has brought home the dangers posed by so-called emerging infectious diseases (EIDs) and the importance of embracing “one health” perspectives. In an era of increased global connectivity, growing urban and extra-urban populations and changing land-used patterns, we are told, epidemics and pandemics due to novel zoonoses spilling over into human populations are to be expected. But where did this modern ecological understanding of infectious disease come from, and how does it relate to older understandings of the genesis of pandemics and earlier scientific traditions, such as medical ecology and medical geography?

In this talk, I briefly revisit the writings of three pioneers of disease ecology – the bacteriologist Charles Nicolle, the geographer Jacques May and the microbiologist René Dubos – and briefly trace their influence on other key thinkers in this emergent field, such as Steven Morse and Joshua Lederberg.

Whether or not the ideas of these early disease ecologists were couched in explicitly ecological language, I argue they all shared a vision of disease as the result of the disturbances of “natural” equilibrium states and a phenomenon that could not be understood apart from the environment and the places where people and pathogens interacted. However, while this led
some thinkers to embrace modern evolutionary perspectives and to draw a sharper boundary between medical geography and disease ecology, others emphasized the importance of place and environment over long evolutionary timescales and insisted on the fields being continuous with one another.

  • Vortragender: Mark Honigsbaum (London)
  • Kommentar: Jonathan Everts (Halle)
  • Moderation: Simon Runkel (Jena)
​12.01.2021 | „Biopolitik, Gerechtigkeit und neue Praktiken der Zuwendung“Einklappen

In dieser Sitzung beschäftigen wir uns mit biopolitischen Ordnungen und Fragen der Gerechtigkeit in Zeiten von Covid-19. Andreas Folkers analysiert in seinem Vortrag unterschiedliche Wertordnungen, die sich während der Covid-19 Pandemie gezeigt haben und mit den folgenden vier biopolitischen Regimen korrespondieren: Bevölkerungsbiopolitik, Biopolitik vitaler Systeme, Biolegitimität/Humanitarismus, (bio)-soziale Gerechtigkeit. Darauf aufbauend stellt der Vortrag dar, wie sich vor dem Hintergrund dieser Wertordnungen unterschiedliche Katastrophenschwellen identifizieren lassen, also Punkte ab denen die Pandemie zu einer Katastrophe wird.

Matt Hannah analysiert im zweiten Vortrag vor dem Hintergrund der verschiedenen räumlichen Einschränkungen die Bedeutung von der Gerichtetheit der Aufmerksamkeit und Praxis, von Prozessen der Abwendung und Zuwendung. Vereinzelt in Wohnungen und Häusern, machen Millionen Menschen neue Erfahrungen in der ständigen Aushandlung von Dringlichkeit und der Setzung von Prioritäten bezüglich verschiedenster Aktivitäten. Aus Perspektive der feministischen care ethics, soweit Aktivitäten um „Produktion“ (zurück) in den Haushalt gezwungen werden, erhält die biopolitische Frage nach der Dringlichkeit von Bedürfnissen eine neue, allgemeinere Relevanz, die über Geschlechterrollen in der sozialen Reproduktion hinausgeht.

  • Vortragende: Andreas Folkers (Gießen) und Matthew G. Hannah (Bayreuth)
  • Moderation: Julian Stenmanns (Bayreuth)
​26.01.2021 | „Covid Urban: Dimensionen der Peripherie in der städtischen Gesellschaft“Einklappen


Dieser Beitrag beleuchtet die Einwirkungen der COVID-19 Pandemie auf die verschiedenen Dimensionen der Peripherie der städtischen Gesellschaft. Ausgehend von der Annahme, zuerst geäußert von Henri Lefebvre, dass wir nun im Zeitalter der vollständigen Urbanisierung leben, können wir feststellen, dass COVID-19 die erste Infektionskrankheit der globalisierten
städtischen Gesellschaft ist. Vor dem Hintergrund jüngerer Epidemien im städtischen Raum, von SARS bis Ebola, werde ich zeigen, dass die Entstehung und Verbreitung der COVID-19 Pandemie mit der “ausgedehnten” Urbanisierung zu tun hat, die heute die Welt der Stadt dominiert. Ebenso führe ich vor, wie die Auswirkungen der inzwischen globalen Seuche insbesondere die sozialen, räumlichen und institutionellen Peripherien der “globalen Stadt” am härtesten betroffen haben. Letztlich diskutiere ich, wie die Pandemie die Horizonte urbanistischer Praxis verändert hat, indem Perspektiven auf Klimawandel, Antirassismus und ökonomischer Krise durch die Erfahrung der Krankheit an Schärfe und Profil gewonnen haben.

  • Vortragender: Roger Keil (Toronto)
  • Moderation: Jan Hutta (Bayreuth)

Verantwortlich für die Redaktion: Sebastian De La Serna

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